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1.Flugzeit

Ein Interview über die Flugzeiten der Utopis

„Flugzeit“ nennen sich die Zeiträume, zwischen den insgesamt drei geplanten „Funkenzeiten“ des freien freiwilligen Jahres. Die Flugzeit ist die Zeit, in der die einzelnen Utopis ihre eigenen Wege gehen und sich nach ihren spezifischen Interessen und Fähigkeiten orientieren und strukturieren. Jede der beiden Flugzeiten findet  über den Zeitraum von acht Wochen statt.

Dieses Interview über die Flugzeit wird unter anderem auf die Fragen eingehen, wie die neun Utopis ihre Flugzeit erlebten und was sie mit der freien Zeitgestaltung taten. Der Vielfalt wegen und um möglichst viele Perspektiven zu erhalten, wurde jede der folgenden Fragen an eine*n andere*n Utopi gestellt und nach den individuellen Erfahrungen beantwortet.

Vor der ersten Flugzeit träumten und planten wir mit der Dragon Dreaming Methode (vgl. https://utopia.de/ratgeber/dragon-dreaming-so-funktioniert-die-methode/) unsere bevorstehenden acht freien Wochen. Wie geht es dir damit, acht Wochen freie Zeit vor dir zu haben?

„Ich bin aufgeregt und fragend, vorfreudig und ein wenig ängstlich. Aber vor allem neugierig und ziemlich glücklich, nun ganz frei wieder unterwegs zu sein. Ich habe noch nicht alles durchgeplant. Ich weiß jetzt, wo ich die nächsten drei Wochen sein werde. Darauf freue ich mich schon! Zum Anfang wandere ich jetzt erst mal für zehn Tage auf einem Störtebekker-Weg an der Nordsee. Nach so einer langen Zeit mit vielen Seminaren, ist mir gerade nach viel Natur, Bewegung und draußen Schlafen. Ich bin glücklich und vertraue gerade sehr darauf, dass sich ergeben wird, wo ich sein werde und wo ich lernen und forschen darf.“

Mit diesen oder anderen Gefühlen begaben wir uns auf unsere eigene Reise und begannen auf den Flügeln der unendlichen Möglichkeiten, die vor uns lagen, zu fliegen. Was war der schönste Moment in deiner Flugzeit?

„Der schönste Moment – booah. Das ist eine krasse Frage. Ich glaube, also das ist das, was mir jetzt grade als erstes kam, aber ich weiß nicht, ob es jetzt wirklich der schönste Moment war, war, ich glaube, in Freiburg bei den Squatting-Days (https://diewg.noblogs.org/squatting-days/) wo ich mit den Maulwürfen (http://volxkuechefreiburg.blogsport.de/) gekocht hab. Jeden Tag, wenn das Essen fertig war, das war einfach so geil, das war so – ja wir ham‘s geschafft. Das war irgendwie als hätten wie so ein fettes Boot zusammen gesegelt. Als hätten wir es irgendwie geschafft. Das war richtig schön, richtig empowernd. Und das  Frittieren. Beim Frittieren so quatschen und richtig meditativ zuschauen wie die Sachen so rein und raus gehen. Also das war ein richtig schönes und empowerndes Erlebnis.“

Möchtest du nochmal ganz kurz sagen was die Squatting-Days sind und was du da ganz genau gemacht hast?

„Die Squatting-Days sind auf Deutsch die Hausbesetzer*innentage und das war in Freiburg  rund um die KTS (https://www.kts-freiburg.org/),  das autonome Zentrum. Gleichzeitig war auch noch ein KTS-Jubiläum und waren immer richtig viele Leute dort. Die Maulwürfe sind eine KüfA (Küche für Alle), die in verschiedenen selbstorganisierten Klimacamps und so kochen.

Wir haben dort einfach gekocht für die Menschen, tauschlogikfrei und auf Spendenbasis, und hatten eine richtig schöne Zeit. Wir sind auch manchmal zu Besetzungen hingefahren und haben das Essen dorthin gebracht und das war auch ein richtig geiler Moment, wenn du so zu Besetzungen fährst und du packst das Essen raus und stellst es so hin und alle sind so wooooooh und ja, das war auch richtig schön.“

Sich in neuen unbekannten Kontexten zu bewegen und ein frei gestaltetes Leben zu führen, eröffnet wunderschöne und lehrreiche Momente, wie die Antwort zeigt. Doch, was hast du getan, wenn dir mal alles zu viel wurde und du eine Pause gebraucht hast?

„Wenn mir alles zu viel wurde, dann hatte ich zum Glück noch so ein, zwei Orte wo ich wusste, dass ich hin kann und niemensch was von mir erwartet. Dort habe ich Zeit mit vertrauten Menschen verbracht und ganz bewusst mal nichts getan.“

Vertraute Menschen boten uns Schutz, Sicherheit und Ruhe, die wir ab und zu brauchten, um Kraft zu tanken. In den Kontexten, in denen wir unterwegs waren, begegneten uns allerdings auch immer wieder viele neue Menschen. Wie sind dir Außenstehende während deiner Flugzeit begegnet?

„Manche hatten sehr großes Interesse und wollten mehr darüber erfahren, wie ich hier lebe. Eine Person fragte, ob es das Jahr nochmal geben wird, weil sie gern teilgenommen hätte. Ein paar Menschen wollten mich besuchen kommen. Andere haben gesagt, dass sie später auch so leben möchten. Dann gab es noch die Menschen, die das hier sehr kritisch gesehen haben und immer versucht haben, irgendwas schlecht zu machen oder das Negative zu sehen. Die mir ein schlechtes Gewissen eingeredet haben, von wegen dass wir anderen auf der Tasche liegen, dass das ja nicht für alle möglich ist so zu leben, dass wir voll das Glück haben. Die Workshops fanden sie zum Teil aber spannend. Manche dachten auch, dass es hier sehr esoterisch oder sektenmäßig zuginge. Die Werte, die wir hier vertreten (solidarisch, tauschlogikfrei, ökologisch, drogenfrei, vegan), fanden die meisten sehr interessant, verwiesen aber darauf, dass mensch andere nicht verurteilen sollte, die zum Beispiel rauchen oder Alkohol trinken. Vor allem meine Verwandten sagten mir, weil ich ja schon etwas älter bin, dass ich mal was Vernünftiges machen sollte und Geld verdienen. Manchmal habe ich mich gar nicht auf diese Diskussion eingelassen. Auch die Frage „Was kommt danach?“, die ich mir selbst noch nicht so gut beantworten kann, wurde sehr oft gestellt und hat mich verunsichert. Gleichaltrige fanden das Projekt aber meistens spitze.“

 

Eine Frage, die oft in Gesprächen mit unbekannten, aber auch vertrauen Menschen auftauchte, war die Frage nach der Finanzierung: Wie finanziert ihr das eigentlich?

„Wir haben das große Glück in einer Gemeinsamen Ökonomie miteinander zu leben. Das heißt, wir teilen uns unser ganzes Einkommen. Das Einkommen besteht meistens aus Kindergeld, aus kleinen Jobs die wir angenommen haben, z.B. haben drei von uns zusammen gearbeitet für drei Tage, Zuwendungen von Eltern. Wir haben ein Crowdfunding (https://www.betterplace.me/pilot-inprojekt-lebe-deine-utopie) gestartet, das uns auch über 1000 Euro eingebracht hat, sodass wir weiter  umfairteilen können für die Workshopgebenden und ans Funkenhaus. Außerdem haben wir einen Förderantrag geschrieben, um für unser  vielfältiges Programm noch ein paar Fördergelder zu bekommen. Ich glaube, wir finanzieren das auch so, dass wir alle ziemlich bewusst mit Geld umgehen und uns jetzt keine krassen Dinge kaufen und vielleicht mal eher trampen oder auch foodsaven (https://foodsharing.de/) gehen und uns darin üben, nicht so viel zu konsumieren.“

Und was macht das mit dir, in einer Gemeinsamen Ökonomie zu sein?

„Ich habe eben mit einem Kumpel geredet und meinte so, dass ich doch nicht weiß, ob ich dieses Jahr schon anfangen will mit Studium, Ausbildung oder whatever. Da meinte er, „aber du bist ja nächstes Jahr 25 und kriegst kein Kindergeld mehr, wie willst du das finanzieren?“. Und da ist mir aufgefallen, irgendwie habe ich so ein Vertrauen darin, dass wir eine Gemeinsame Ökonomie haben und dass wir das irgendwie gemeinsam stemmen. Es gibt mir eine große Sicherheit und lässt mich weniger über Geld nachdenken und mich weniger mit dem Thema alleine fühlen. Klar, manchmal ist es auch stressig und es erfordert viele Absprachen und klare  Kommunikation. Manchmal  braucht es auch Geduld, weil andere Leute halt anders ticken und anders mit ihren Finanzen umgehen. Aber ich merke, dass ich total viel dadurch lerne und mich mit einem Thema, das immer nur für mich ein Thema war, also Geld, mit anderen Menschen austauschen kann. Um Geld hab ich mich immer nur selber gekümmert. Ob ich jetzt genug hab oder nicht, lag immer nur bei mir. Durch die Gemeinsame Ökonomie konnte ich das Thema öffnen. Das schafft ein großes Vertrauen, ist ein großes Plus für mein Leben.“

Du hast davon geredet, dass Einnahmen und Ausgaben in einer Gemeinsamen Ökonomie geteilt werden. Manche Menschen werden noch von ihren Eltern mitfinanziert, andere gehen arbeiten oder bekommen noch Kindergeld. Das heißt, manche geben viel mehr rein als sie rausnehmen? Ist das nicht total ungerecht?

„Nein. Wir leben nach dem Prinzip der *Tauschlogikfreiheit. Das heißt, dass wir Geben und Nehmen voneinander entkoppeln wollen. Das hört sich vielleicht erstmal komisch an, ergibt aber total viel Sinn. Wenn ich z.B. 650 Euro rein gebe, sage ich gar nicht  – wie wir es sonst im kapitalistischen System tun –  „Ich hab das reingegeben, also werde ich das alles jetzt ausgeben für mich weil ich es verdient habe“. Sondern, ich schaue einfach, was brauche ich wirklich? Das schafft irgendwie auch eine gewisse Freiheit und Ehrlichkeit zu sich selbst. Und dann find ich auch noch einen wichtigen Punkt, dass es nicht heißt, dass Leute die jetzt kein Geld kriegen, nicht total wichtige Arbeit leisten. In unserer Gesellschaft werden manche wichtigen Tätigkeiten nicht mit Geld wertgeschätzt. Aber ich wertschätze das total und sehe es auch wenn z.B. jemensch ein Monat lang sich um die Oma kümmert. Das ist ein total großartiges Geschenk und natürlich wirst du dafür nicht bezahlt. Wenn ich Energie hab zu arbeiten und das an diesen Menschen geht, den ich kenne und den ich schätze, dann ist das für mich ein großes Geschenk und ich finde das ziemlich gerecht, gerechter als das was sonst in der Welt passiert.“

In unsere Flugzeit durften wir darauf vertrauen, untereinander finanziell getragen zu werden. Darüber hinaus erlebten wir viele weitere Lernprozesse, die uns auf unterschiedlichen Ebenen bereicherten.Was war für dich die wichtigste Erkenntnis deiner Flugzeit?

„Wow, die wichtigste Erkenntnis meiner Flugzeit. Ich glaub, dass ich diejenige bin, die entscheidet was sie tun möchte und nicht, dass die Umgebung entscheidet was gut für mich ist. Ich glaube, das mache ich so ein bisschen daran fest, dass ich in meiner ersten Funkenzeit, als ich ganz viel geplant hab, was ich in meiner Flugzeit machen könnte und ganz viele Inspirationen mir von außen geholt hab und auch ganz viele tolle spannende Menschen mir begegnet. Irgendwann dachte ich „wow, das muss ich jetzt auch machen und das muss ich auch machen und hier  muss ich auch hin und da möchte ich auch hin“. Irgendwann habe ich nur noch daran gedacht, die Ziele oder Pläne und Lebensentwürfe von anderen Menschen nachzuahmen oder nachzuempfinden. Dabei hab dabei total vergessen, was mir eigentlich wichtig ist. Aus einem schwierigen Prozess heraus habe ich erkannt, dass ich einfach nur auf mich hören muss und dann schon weiß, welcher Weg der richtige ist.“

Wie hast du denn herausgefunden was du selber möchtest? Hast du da irgendeine Technik gehabt?

„Gute Frage. Ich hatte einen super guten Mentor, der mir ganz viel zuhörte mit dem was ich so erlebte und er spiegelte meine Erlebnisse. Ich nahm mir darüber hinaus Zeit, auf mich zu hören. Ich distanzierte mich erst mal von allen möglichen neuen Erfahrungen und bewegte  mich in einer vertrauten Umgebung. Nach und nach lernte ich einfach wieder stärker auf mich selbst zu hören und mir zuzuhören.“

Auf sich selbst hören und der eigenen inneren Stimme Raum geben, war eine Lernerfahrung, die das Leben prägt und verändert. Was hat sich nach der Flugzeit für dich verändert?

„Ich bin nach der ersten Flugzeit viel gelassener. Während der Flugzeit dachte ich manchmal, ich halte das überhaupt nicht mehr aus, keine feste Struktur, keinen Plan und kein festes Zuhause zu haben. Danach denke ich so, „Ach chillig, cool, kann ich auch noch länger machen“. Ich hatte irgendwann voll das Vertrauen, dass etwas Cooles passieren wird oder dass ich einen Ort finde, wo ich hin möchte, dass ich einen passenden Schlafplatz finde, dass ich eine Tätigkeit finde, die mich erfüllt und die für mich Sinn ergibt. Davor dachte ich immer, ich müsse Monate im Voraus geplant haben was passiert. Nach der ersten Flugzeit bin ich so „Ok, ich plan jetzt mal für nächste Woche, vielleicht auch schon für übernächste. Ich kann auch schon etwas zusagen das später ist, aber ich kann es auch aushalten, wenn ich das nicht habe und wenn ich keinen komplett durchgeplanten Jahresablauf habe, sondern schaue was sich ergibt. Bis jetzt haben sich immer richtig coole Sachen ergeben und es kamen immer total gute Möglichkeiten. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass sie mir fast schon zufallen. Ich erzähle, ich brauche gerade dringend einen körperlichen Ausgleich und paar Tage später wird mir gesagt: „Die Solidarische Landwirtschaft hier in der Gegend sucht grade Leute die helfen“. Und dann war ich ein paar Tage später dort und hab halt mitgeholfen. Oder ich wollte gern mehr über Diskriminierung lernen und über Rassismus und wurde gefragt, „Ey hast du nicht Bock, nen Workshop dazu zu halten?“. Ich hatte Zeit mich darauf vorzubereiten und konnte mich voll reinarbeiten und schließlich mit einer Gruppe dazu arbeiten.“

Die Flugzeit eröffnete viele unerwartete Möglichkeiten und Herausforderungen, die zum Lernen und Weiterdenken anregen. Was möchtest du in der nächsten Flugzeit anders machen?

„Eigentlich nichts, glaub ich. Ich möchte weiterhin auch in der zweiten Flugzeit einfach das machen, was ich will und das hat diese Flugzeit richtig gut geklappt. Und ich glaube ich werde weiterhin an diesem Konzept festhalten.“

Was genau macht dieses Konzept aus? Was willst du?

„Also das Konzept macht es aus, dass ich erst mal eben herausfinde was ich will und mir dann Zeit nehme, das zu machen. Und das waren jetzt in der ersten Flugzeit Zeit mit der Familie, Zeit für mich, Zeit mit Freund*innen die hier im Funkenhaus herausfinden, wie ein Hausprojekt funktionieren kann – das Projekt den Menschen zeigen und teilen. Lesen, mich mit gesellschaftlichen Themen auseinandersetzen, Feminismus, Sexismus, Rassismus. Musik machen, Gitarre lernen. Ich war hier im Funkenhaus. Ich war Pilze sammeln. Ich hab gelernt Feuer zu machen. Ich glaube, generell war meine erste Flugzeit auch so ein Regenerationsding. Ja, mehr fällt mir grade auf Anhieb nicht ein.“

Du hast gesagt, dich haben Leute hier besucht, die das Funkenhaus als Hausprojekt kennenlernen wollten. Du hast ihnen sozusagen den Raum dafür ermöglicht. Was macht das Funkenhaus für dich persönlich als Hausprojekt aus?

„Es versucht, allem Raum zu geben und alles da sein zu lassen. Es setzt auf Gemeinschaft und darauf, Möglichkeiten zu schaffen und irgendwie eine Basis und Nährboden für Entwicklung zu geben. Mit allen Optionen, die es hier gibt, von Musikmachen über Gärtnern und Finanz-AG, für politische Aktionen, Werkstätten und ja, ich glaube, das ist für mich ein Haus, das Platz für Ideen und Entwicklungen schafft, für Utopien.“

„Die Utopie, sie steht am Horizont. Ich bewege mich zwei Schritte auf sie zu und sie entfernt sich um zwei Schritte. Ich mache weitere zehn Schritte und sie entfernt sich um zehn Schritte. Wofür ist sie also da, die Utopie? Dafür ist sie da: Um zu gehen!“ (Fernando Birn)

Die Flugzeiten sind für uns ein Abenteuer voller ungeahnter Möglichkeiten und viel freier Zeit, die wir ganz individuell und nach eigenen Bedürfnissen gestalten dürfen. Wir lernen viel über uns selbst und begegnen neuen und vertrauten Menschen. Wir dürfen unsere Träume erfüllen, Pläne in Taten umsetzen oder wieder verwerfen. Wir kommen unseren Utopien von einer freieren Gesellschaft näher. Doch immer noch liegen weitere größere und kleinere Utopien vor uns, auf die wir uns in Zukunft zu bewegen dürfen. Wir sind weiterhin offen für neue Abenteuer, forschend und fragend.  Deshalb bleibt die abschließende Frage dieses Interviews offen an dich: Was würdest du mit acht Wochen freier Zeit tun?

 

Begleitende Motive

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